Backstage und mittendrin:

Der Event-Regisseur als Dreh- & Angelpunkt für gut inszenierte Ideen!

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Als erfahrener Leader am Set sorgt ein Ablaufregisseur nicht nur für perfekt aufeinander abstimmte Übergänge und Szenen vor der Kamera sowie auf den Eventflächen, sondern auch für gute Energie im Team.

Foto: Marco Westerkowsky - mawes-media.de

Sie sind eine besondere Spezies und schlagen die Brücke zwischen den Protagonisten auf der Bühne, den kreativen Ideen des Konzepts und den Technikern hin zum Publikum. Wie die letzten beiden Jahre Einfluss auf seine Regiearbeit hatten, worauf es bei der Inszenierung von Veranstaltungen, ob live, digital oder hybrid, ankommt, und – was Putin, Selenskyj, Greta und Kakaobauern mit seinem aktuellen Wunsch-Event zu tun haben, erklärt uns einer der Besten unter ihnen hier im Interview: Ablaufregisseur Chris Cuhls.

Was ist heute an deiner Arbeit anders als noch vor zwei, fünf oder zehn Jahren? Hat die Bedeutung von Dramaturgie und Inszenierung heute einen höheren Stellenwert?

Chris Cuhls: Eventregie wird verstärkter nachgefragt. Denn durch die Umstellung auf neue digitale Formate und andere Kanäle musste auch die Inszenierung, sprich die Verpackung von Inhalten, angepasst werden. Dort, wo zuvor das Publikum vor Ort selbst zugeschaut hat, wurde bei digitalen Events nun alles nur noch durch Kameras übermittelt. Damit das alles abwechslungsreich und aufmerksamkeitsstark blieb, brauchte man neue Tools für eine wirkungsvolle Inszenierung. Denn die klassische Dramaturgie in drei Akten funktioniert online nicht mehr. Es fehlt die Zeit zur langsamen Entfaltung wie bei Anlässen in realen Räumen. Stattdessen müssen permanent Reize gesetzt werden, um Zuschauer online beteiligt zu halten. Ich spreche hier gern vom Sägezahnmodell – einem ständigen Auf und Ab, schnellen Wechseln. Mutige und Experimentierfreudige unter den Regisseuren wurden dabei belohnt, weil sie wirklich Neues schaffen konnten. Das stimmt dann auch zufrieden für den Kraftakt, den diese Veränderungen mit sich brachten. Wobei ich ergänzen möchte, dass ich vor zehn Jahren auch schon Pressekonferenzen aus China global übermittelt habe. Am Ende bringt die ungeplante Disruption vielleicht eine Demokratisierung von Events, ein Mehr auf Augenhöhe und Beteiligung. Das würde ich durchaus begrüßen…

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Live-Formate mussten sich in der Vergangenheit regelrecht neu erfinden und den Switch auf ein gutes Online-Level schaffen. Was sagst du als erfahrener Event-Regisseur: Verlieren Events durch eine digitale oder hybride Umsetzung grundsätzlich an Erlebnisdichte? Wie können sie gestaltet werden, um mehr Wirkung zu erzielen und emotional packender zu werden?

Wir müssen unterscheiden: 95% der Online-Events bleiben handwerklich hinter ihren Möglichkeiten. Das hat viele Gründe: Zeitmangel, fehlende Ressourcen, mangelnde Kompetenz, Monotonie bis zum vielbeschworenen „Neuland“. Natürlich verliert sich da die Erlebnisdichte. Aber es gibt auch Positivbeispiele wie z. B. bei der Kölner Agentur Onliveline oder natürlich die Apple Produktvorstellungen auf Youtube. Was hybride Formate betrifft, so zeigt folgendes Beispiel die unterschiedlichen Erlebnisarten. Es gab zwei Möglichkeiten das WM-Finale 2014 in Brasilien zu erleben: Entweder wir fliegen nach Brasilien inklusive früher Anreise, Koffer packen, Hotel buchen und finden, vor Ort Anreise zum Spiel, Grölen mit Fans vor dem Stadion, Stadion-Wurst, Bierdusche, Laola und mit etwas Glück noch ein Autogramm vom Matchwinner. Oder wir setzen uns pünktlich im Wohnzimmer auf die Couch, haben viel weniger Kosten, sind unabhängig vom Wetter, haben keinen Anreise-Stress, bekommen eine Vorberichterstattung, Kommentatoren, Zeitlupen, Hintergrundinfos sowie Interviews nach dem Spiel serviert und sind 5 Minuten später in der Kneipe oder im Bett. Das gleiche Ereignis – aber zwei komplett unterschiedliche Wege es zu erleben. Dabei besteht kein Bedarf und kaum eine Möglichkeit, die Stadion-Besucher und TV-Zuschauer sinnvoll zu verknüpfen. Dazu sind die Erlebnisse einfach zu unterschiedlich. Aber natürlich ist jedes Projekt anders. Wenn es Sinn ergeben sollte, wäre es der Königsweg, beide Erlebnisarten miteinander zu verbinden, um beispielsweise Erfahrungen und Meinungen abzugleichen. Daraus können neue Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen entstehen.

„Wir müssen für positiven Puls sorgen – auch und vor allem online!“

Konzentrieren wir uns also auf das, was immer schon wichtig war: Klarheit über das Ziel und die Wirkung, eine angemessene Form und Verpackung sowie eine stringente Umsetzung. Und: Was löst eine wahrnehmbare physische Veränderung von Muskulatur, Herzschlag, und Atmung aus? Da haben wir unsere Spur für Emotion – das ist natürlich bei jedem Menschen, Format, Kunden anders. Aber man stelle sich einmal rasende Herzen bei einschläfernden Zoom-Calls vor… Eben, so nicht – egal ob analog, digital oder hybrid! Wir müssen für „positiven Puls“ sorgen, dann sind auch digitale bzw. hybride Events spannend für die jeweiligen Zielgruppen.

Bedeutet das, dass Konzeption und Umsetzung für Live- und Online-Formate ähnlich aufwendig sind...?!

Natürlich! Und wer den Event hybrid plant, muss sogar doppelt ran. Denn ein Konzept für beide Zielgruppen funktioniert eben nicht. Logischerweise differiert der Arbeitsaufwand bei analogen Formaten vom Teilnehmermanagement über Catering und Hotel zu eher grundsätzlich nötigen Umstellungen wie bei der Entwicklung und Umsetzung digitaler Konzepte. Es werden neue Kompetenzen benötigt, das kostet Zeit und Kraft!

Was hältst du bei der Konzeption und Dramaturgie eines Events für wichtiger: den berühmten roten Faden oder einen Spannungsbogen? Gilt das durch die Bank für alle Veranstaltungsformate?

Beides ist wichtig. Aber es kommt ganz auf die vorhin angesprochene intendierte Wirkung an. Und eben auch auf den Kanal der Übermittlung sowie die Bedürfnisse der Zielgruppe, für die das Event gedacht und gemacht ist. Teens muss ich anders kriegen als Frührentner. Professoren anders als Hippies. Digital Natives anders als Digital Immigrants. Der rote Faden ist ja auch nur ein Hilfsmittel, damit alles auf eine große Idee einzahlt, die im Gedächtnis bleiben soll. In unserer teils auch in kleine Segmente aufgesplitterte und multifunktionale Gesellschaft gibt es nicht mehr nur den einen Ansatz. Ich muss mir die Mühe machen, Roadmaps und Konzepte so aufzusetzen, dass sie wirklich in den Subgruppen ankommen und ihre Wirkung entfalten können. Und das ist je nach Event und Anlass mal einfacher oder komplexer. In jedem Fall unterstützt aber ein Spannungsaufbau, Menschen überhaupt in ein Thema hineinzuziehen (und auch online bei der Stange zu halten), während ein roter Faden alles aus einem Guss wirken lässt. Die Realitäten bei analogen, digitalen und hybriden Formaten unterscheiden sich. In realen Settings haben wir meist mehr Zeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung und können besser in die Tiefe gehen. Im digitalen Raum sind wir kürzer und abwechslungsreicher unterwegs, um mehr Reichweite aufzubauen und spezifische Zielgruppen genau mit den gewollten Inhalten in Kontakt zu bringen. Die Herausforderung von hybriden Veranstaltungen ist es, zwei völlig unterschiedliche Bedürfnisgruppen sinnvoll miteinander ins Erleben und Austauschen zu bringen. Am Ende hat es jeder Teilnehmende verdient, dass seine Zeit und Aufmerksamkeit belohnt werden, indem klar, überraschend und nachhaltig mit ihm oder ihr kommuniziert wird.

Workflow für eine erfolgreiche Show wie hier in der Westfalenhalle: Konzept und Briefing, Proben- und Regieplan, Media Check, Stellproben, Durchlaufprobe, Generalprobe, Show und Debrief bis hin zum Danke sagen! Foto: ARD/JürgensTV/Dominik_Beckmann

Das 1:1 Streaming einer Location macht noch lange keinen erfolgreichen Online-Event. Wie sieht es in der Praxis aus?

Was mich ärgert: Wir filmen oftmals immer noch nur Bühnen ab. Gleich einem Guckkasten. Aber das Abfilmen eines Theaterkastens funktioniert nicht. Wir müssen umparken im Kopf. TV-Talkshows haben zumindest ein 270 Grad Set, wenn nicht sogar ein volles Rund. Weil wir nicht mehr frontal zuschauen, sondern durch die Kameralinsen. Die schießen über Kreuz, um Dialoge abzufilmen. Im Hintergrund brauchen wir dann Kulissen, nicht den schwarzen Molton. Deshalb müssen wir Räume so gestalten, dass sie zu Funktion und Kanal passen. Außerdem müssen wir in Szenen denken, also per Kameraschnitt. Wo bisher eine Rednerin 20 Sekunden auf die Bühne gelaufen ist, erwarten wir als Zuschauer, dass wir direkt zum Redner per Bildschnitt wechseln. Tempo machen! Hinzu kommen technische Details und die Usability der Plattform. Manchmal scheitern Streams an der Internetbandbreite oder den Firmen-IT-Netzwerken. All das müssen wir mitdenken.

Wie wichtig sind dir interaktive Tools z. B. zum Voten und Chatten und wie hoch ist heutzutage der Einsatz von Augmented Reality und Künstliche Intelligenz bei Veranstaltungen?

Grundsätzlich sollten wir lieber weniger machen und das dafür sehr gut. Anstatt auf virtuellen Schnickschnack zu setzen, weil das toll ist, aber nichts aussagt, lieber mit Augenmaß vorgehen. Ausgehend von den Bedürfnissen frage ich mich zum Beispiel, ob das Publikum wirklich ständig Voten und Chatten möchte?! Führt es zum Ziel des Events, dann herzlich gerne. Aber welcher Kunde stellt proaktiv die richtigen Fragen und will tatsächlich einen ehrlichen Dialog auf Augenhöhe mit seiner Community? Da erlebe ich immer verhaltene Kontrolle auf Kundenseite.

„Wir müssen lernen, die Ebenen von dem was MUSS, was KANN und was macht WOW, zu trennen!“

Wenn wir vom WOW sprechen, dann kann AR und KI spannende Überraschungen bieten, wie zuletzt bei der Media Night von Mercedes-Benz auf der IAA 2021. Wie aus einer Niederlassungshalle der Grand Canyon für die Produktpremiere des EQG wird, das ist magisch. Chapeau Andree Verleger! Wir könnten auch viel von der Gaming Industrie lernen, aber dazu müssten wir mehr Zeit und Geld einsetzen, um an das Level heranzukommen. Möglich ist es, einzig unsere Imagination und fehlendes Budget hindern uns noch. Was Künstliche Intelligenz betrifft, so kann sie im ethischen Rahmen sicher helfen, Bedürfnisse von Gästen noch besser zu erkennen und zu befriedigen. Angefangen vom Teilnehmermanagement über die Themenauswahl bis hin zum individuellen Erlebnis. Ich glaube aber, dass dieser Bereich noch ein wenig Zeit braucht, bis er vollumfänglich im Eventzirkus ankommt. Außer, dass wir darüber reden, habe ich es in der Praxis bislang kaum eingesetzt erlebt. Ich bin gespannt, was da auf uns zukommt!

Wie sieht die Zukunft von Events aus – what´s next? Werden z. B. ganzheitliche Markenerlebnisse, XXL-Kongresse oder TV-Shows zukünftig das Beste aus beiden Welten vereinen? Avanciert die hybride Event-Variante somit zum neuen Standard für die Live-Kommunikation?

Zunächst werden wir eine Flut von analogen Events erleben, wie wir sie aus der Zeit vor Corona schon kennen. Wahrscheinlich werden sie sich für die nächsten Jahre auf die Monate Mai bis Oktober konzentrieren. Die Welt wird aber auch in der übrigen Zeit nicht stillstehen. Am Ende entscheidet jeder Teilnehmende, welchem Anlass er seine Zeit und Aufmerksamkeit widmen möchte. Und je nachdem, ob es um Informationsaufnahme oder Geschäftsabschlüsse geht, wird er sich eher online oder offline beteiligen. Die Musikindustrie, aber auch die Medienlandschaft haben uns gezeigt: Alles hat seinen Platz! Der iPod hat uns ganze Musiksammlungen beschert, wir gehen aber trotzdem mehr denn je zu Live-Konzerten – für das Erlebnis. Die Monetarisierung hat sich dadurch verändert vom Album über die Single bis hin zum Konzertticket. Nachdem einst vermutet wurde, dass das Radio Print vertreiben könne, besteht noch heute alles nebeneinander zusammen mit TV, Kino, Netflix und zahlreichen weiteren Online-Angeboten, die von vielen täglich genutzt werden. Der Clou: Nicht mehr ein Medienmogul hat die Macht, sondern alles, was es braucht, befindet sich in unserer Hosentasche. Einzig was meine Botschaft ist und ob die auf Interesse trifft, bestimmt, wem zugehört wird. Das verändert auch unsere Event- und Messelandschaft radikal. Wir müssen uns sehr viele Gedanken über unsere Rollen und Inhalte machen!

„Fakt ist und bleibt: Es ist doppelt aufwendig, eine hybride Veranstaltung wirklich gut zu machen.“

Wer schlau ist, konzentriert sich auf die Kanäle, die er beherrscht und die für seine Ziele die richtige Wirkung haben. Dazu gehört auch, mit Demut zu experimentieren, Fehler zu machen und für Veränderungen offen zu sein. Im besten Sinne im Dialog zu bleiben. Ob und in welchem Maße hybride Formate sich durchsetzen werden, wird die Zeit zeigen. Fakt ist und bleibt: Es ist doppelt aufwendig, eine hybride Veranstaltung wirklich gut zu machen. Und mit einem Hybridformat auf mittelmäßigem Niveau wird sich nach Corona keiner mehr langfristig zufriedengeben. Aber im Sinne von Nachhaltigkeit und Wertschöpfung (und mit dem unausgesprochenen Ziel, dass relevante Events immer auch reale Probleme lösen helfen sowie eine Veränderung oder Erhöhung der Zielgruppe erreichen,) werden gut gemachte Hybrid-Events ihren Zuspruch finden. Einfach weil es effizienter für Teilnehmende sein kann. In jedem Fall sehe ich den Mehrwert von digitalen Plattformen, auf denen sich Unternehmen mit einem Campus virtuell vorstellen können und von Hausmesse über Recruiting bis zum Vertrieb eine Anlaufstelle bieten. Von dort ausgehende hybride Formate zu schaffen, wird viele Vorteile in der multinationalen Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringen. Wir stehen damit am Anfang einer Innovation unserer Geschäftsmodelle. Aufregend!

Foto: Kongress Dortmund/Speisekammer Dortmund

Wie sieht eigentlich der Event, die Veranstaltung aus, die du immer schon einmal umsetzen wolltest?

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagte der Religionsphilosoph Martin Buber. In meinem Kopf sehe ich einen einfachen Tisch, der die unterschiedlichsten Menschen miteinander verbindet. Durch die Begegnung entdecken, lernen und wachsen sie, um Relevantes zu schaffen. Als Regisseur gestalte ich die Zusammenkunft vom Prolog über drei Akte bis zum Epilog, spreche alle Sinne an, sorge für eine gute Balance von Emotion und Information, achte auf Spaß, Genuss aber auch Ergebnisse. Das Schöne: Es sind immer andere Probleme, die wir mit Gästen lösen – und auch feiern. Ich träume einmal kurz: An dem Tisch nehmen Putin und Selenskyj Platz, die haben einiges zu klären. Aber auch Gates und Bono treffen auf Jeff Bezos. Kakaobauern auf Konsumenten. Greta auf Trump. Al Kaida auf Annalena. Ich darf die Begegnung gestalten und ihnen beiwohnen, was für ein Luxus!

Das Interview mit Chris Cuhls führte Claudia Göhnermeier

Foto: Rita Loschitz

Zur Person

Chris Cuhls

Chris Cuhls ist Event-Regisseur, Konzepter von Corporate wie Public Events und Co-Gründer des Netzwerks für Eventregisseure. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der TV- und Eventbranche zählt er u.a. Unternehmen wie Mercedes-Benz, SAP und Telekom zu seinen Kunden. Für bekannte Formate, wie „The Dome“, „Ein Herz für Kinder“ und „Wetten, dass…“? war er zudem als Aufnahmeleiter und Producer tätig. Neugier, Kreativität und relevante Ideen treiben ihn an, Begegnungen wirkungsvoll zu inszenieren. Zum Thema Eventgestaltung veröffentlicht er Fachbücher, betreibt einen Blog und hat einen Podcast. Cuhls studierte Medienmanagement und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln.

KONTAKT

Herausgeber Messe Dortmund GmbH Strobelallee 45 44139 Dortmund Telefon: +49 (0)231 1204-378 Fax: +49 (0)231 1204-724 Internet: www.westfalenhallen.de Mail: medien@westfalenhallen.de

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